Baumschnitt und Veredelung in Theorie und Praxis
Fachberater treffen sich in Verden (Aller)

Die Fachberaterinnen und Fachberater der angeschlossenen Bezirke und Vereine aus dem Landesverband Niedersächsischer Gartenfreunde e.V. (LNG) trafen sich am 09. Mai in Verden im Vereinshaus des KGV Cluvental, wo sie der dortige Vorsitzende Harald Krückemeyer herzlich willkommen hieß. Dieses Treffen war das erste nach den LNG-Vorstandswahlen in Wilhelmshaven und somit auch die Staffelübergabe in der Landesfachberatung. Zu dem Treffen eingeladen hatte Peter Kahle, der bis zu den Wahlen als Landesgartenfachberater tätig war. Er begrüßte die Teilnehmer des Seminars und versicherte, dass er auch weiterhin als „Mitglied im Vorstand“ des LNG die Fachberatung tatkräftig unterstützen werde.

Für die frisch gewählte Landesgartenfachberaterin, Miriam Soboll, aus dem Bezirksverband Hannover-Land e.V. war das Treffen die erste Bewährungsprobe. Auch sie begrüßte die angereisten Teilnehmer, sowie den gastgebenden Verein, der mit viel Liebe den Tagungsraum hergerichtet hatte. Gemeinsam mit den Fachberatern freute sie sich auf zwei interessante Vorträge zu den Themen Baumschnitt und Veredelung, die von Siegfried Schmidt vom Kreisverband Friesland vorgetragen wurden.

Baumschnitt: nicht neu, aber stets aktuell
In seinem ersten Vortrag referierte Siegfried Schmidt über die Notwendigkeit und die unterschiedlichen Formen des Baumschnitts. Es sei sehr wichtig, sich vor dem Schneiden genau zu überlegen, welche Ziele man mit dem Schnitt verfolge, so Siegfried Schmidt. Ob der Baumschnitt durchgeführt wird, um den Baum zu „erziehen“, ob das Wachstum angeregt werden, die Wuchsform verändert oder der Baum „verjüngt“ werden soll, ob lediglich Konkurrenztriebe entfernt werden sollen oder ein Baumschnitt notwendig ist, um kranke oder abgestorbene Pflanzenteile zu entfernen, damit der gesunde Teil des Baumes erhalten werden kann.

Stets bewusst sollte einem sein, dass Wurzelwerk und Baumkrone in einem Verhältnis zueinander stehen. Bei einem Baumschnitt sollten daher nicht mehr als 20% der Krone entfernt werden, damit der Baum in einem gesunden Maße neue Triebe schieben kann. Falls ein sehr starker Rückschnitt verfolgt wird, ist es sinnvoll, dies in mehreren Stufen, auf mehrere Jahre verteilt, durchzuführen.

Neben der Art und dem Umfang der Schnittmaßnahmen spielt auch der Schnittzeitpunkt eine wichtige Rolle. Grundsätzlich kann ganzjährig, bei frostfreiem Wetter geschnitten werden. Bei einigen Pflanzen gibt es besondere Schnittzeiten, so werden z.B. Pfirsiche während der Blüte geschnitten, bei Kirschen empfiehlt sich ein Schnitt verbunden mit der Ernte der Früchte.

Nach einem Baumschnitt ist das Versiegeln der Schnittflächen mit einem Wundverschluss nicht erforderlich. Nach neueren Erkenntnissen bringt diese Behandlung für den Baum keinen Nutzen. Frühere Annahmen, man könne die Schnittfläche durch eine Versiegelung mit einem Wundverschluss oder Baumharz vor eindringenden Krankheitserregern schützen, sind heutzutage nicht mehr aktuell. Bereits beim Schnitt werden durch die Umgebungsluft Bakterien, Sporen und andere Erreger auf die Wundfläche übertragen, welche durch das Baumharz an der Oberfläche eingeschlossen werden. „Sie können so schneller einen Schaden als an einer offenen Schnittfläche anrichten“, berichtete Siegfried Schmidt.

Veredelung: Nicht nur etwas für Experten
In seinem zweiten Beitrag ging Siegfried Schmidt auf das Thema Veredelung von Obstgehölzen ein. Die Veredelung von Obstgehölzen erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Da die Größe der Kleingärten und das damit verbundene Platzangebot für Obstbäume relativ überschaubar sind, stellen Bäume mit mehreren Sorten auf einem Stamm einen neuen Gartentrend dar. Hierbei zählt die Devise „Qualität statt Quantität“, betont Siegfried Schmidt. Ein weiterer Vorteil bei unterschiedlichen Sorten ist, dass die Sorten verschiedene Erntezeiten haben, wodurch das Erntezeitfenster vergrößert wird und über einen längeren Zeitraum immer wieder frisches Obst geerntet und verzehrt werden kann. Eine lange Lagerung von großen Mengen der gleichen Sorte ist somit nicht erforderlich. Hier spricht Siegfried Schmidt aus eigener Erfahrung, auf jedem seiner beiden Apfelbäume befinden sich 10 unterschiedliche Apfelsorten.

Für das Veredeln gibt es viele gute Gründe. Hierzu zählen u.a. eine bessere Anpassung der Obstgehölze an den Standort, die Beeinflussung der Wuchsform und -größe, die Resistenzerzeugung gegen Krankheiten, der Erhalt alter Sorten, die Schaffung von Mehrsortenbäumen oder auch das Einbringen von geeigneten Befruchtersorten.

Übung macht den Meister
Um Bäume selbst zu veredeln, bedarf es etwas Übung, es sei schließlich noch kein Meister vom Himmel gefallen, so Siegfried Schmidt. Die unterschiedlichen Veredelungstechniken bieten mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden Möglichkeiten, sich an der Veredelung selbst zu versuchen. Die einfachste Technik ist die Reiserveredelung. Hierzu gehört u.a. das Kopulieren. Hierbei wird ein ganzes Stück eines Edelreises auf eine Unterlage aufgebracht. Unterlage und Edelreis sollten möglichst gleich stark sein. Ein schräger Schnitt an Unterlage und Edelreis ermöglicht eine größtmögliche Überlappungsfläche des freigelegten Kambiums und bietet somit die besten Chancen auf ein Anwachsen des Edelreises.

Eine Nummer schwieriger ist das sog. Chip-budding. Hierbei geht es nur um ein einziges Auge bzw. einen Chip, der vom Edelreis auf die Unterlage übertragen wird. Diese Veredelungsmethode kann sowohl im zeitigen Frühjahr als auch im Sommer durchgeführt werden. So wird entweder auf das treibende oder auf das schlafende Auge veredelt.

Die anspruchsvollste Veredelungsform ist die im Sommer durchgeführte Okulation. Auch hierbei wird, wie beim Chip-budding, nur ein einzelnes Auge übertragen. Dieses wird jedoch nicht auf einen Ausschnitt an der Unterlage aufgebracht, sondern hinter die mit einem T-Schnitt vorbereitete Rinde der Unterlage geschoben. Dies sei teilweise ziemlich kniffelig, so der Referent.

Bei allen Veredelungstechniken gleich ist jedoch die Notwendigkeit eines festen Verbindens mit Bast, Gummiband oder einem Schnellverschluss. Hierdurch wird der Edelreis bzw. Chip fest fixiert und ein Verrutschen verhindert. Abschließend wird alles mit einem Baumwachs versiegelt. „Im Gegensatz zum Baumschnitt ist bei der Veredelung die Verwendung eines Baumwachses zum Wundverschluss unverzichtbar“, betont Siegfried Schmidt.

Not macht erfinderisch
Die für den Nachmittag geplante Veredelung von Obstgehölzen in mehreren Kleingärten musste aufgrund des schlechten Wetters kurzerhand nach drinnen verlegt werden. Im Nachhinein erwies sich diese „Notlösung“ vielleicht sogar als die bessere Variante. Dicht um einen Tisch gedrängt, standen die Fachberater und verfolgten aufmerksam die unterschiedlichen Veredelungstechniken, um das zuvor in der Theorie aufgefrischte Wissen nun noch einmal in der Praxis zu beobachten oder auch selbst zu versuchen.

Bis in den Nachmittag folgten auf Theorie und Praxis angeregte Gespräche, in denen sich die Fachberater untereinander austauschten und von eigenen Erfahrungen berichteten. Auch Siegfried Schmidt beantwortete noch unzählige Fragen, die noch nach und nach aus den Reihen kamen. So zeigt auch ein Treffen mit einem nicht ganz neuen Thema, wie wichtig es ist, diese Treffen durchzuführen. Es gibt den Fachberaterinnen und Fachberatern die Möglichkeit über den eigenen Tellerrand hinaus zu blicken und mit neuen Eindrücken und aufgefrischtem Wissen in die eigenen Verbände zurückzukehren. Und so fiel auch das Fazit der neuen Landesgartenfachberaterin aus. Sie dankte dem Referenten für die interessanten Vorträge, dem gastgebenden Verein für die nette Bewirtung und den angereisten Fachberaterinnen und Fachberatern für ihr Interesse und die Teilnahme an dem Seminar. „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir alle als Team noch ein wenig dichter zusammenrücken und der Austausch zwischen den Verbänden, Vereinen und dem LNG intensiviert werden kann. Ich glaube, dass wir alle deutlich davon profitieren können, wenn die Zusammenarbeit noch intensiver wird.“

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Der Referent Siegfried Schmidt bei seinem Vortrag zum Thema „Baumschnitt von Obstgehölzen“

Ergebnis der Mühen: ein veredelter Zweig

Dicht um einen Tisch gedrängt verfolgen die interessierten Fachberaterinnen und Fachberater die praktischen Ausführungen zum Thema „Veredelung“

 

Immer eine helfende Hand in Reichweite: Die Fachberater unterstützen sich gegenseitig bei der Fixierung der frisch veredelten Zweige.

 

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