Jubiläumsfeiern im Jubiläumsjahr

Leipzig Zentrum der 150 jährigen deutschen Schreberbewegung

Am zweiten Juniwochenende trafen sich Gartenfreundinnen und Gartenfreunde aus dem ganzen Bundesgebiet, um an die 150-jährige Geschichte der deutschen Schreberbewegung zu erinnern. Auf historischem Boden, auf der Festwiese des Kleingärtnervereins Dr. Schreber, fanden sowohl die Feiern zum Gründungsjubiläum, als auch der 30. Tag des Gartens statt.

Die Zeit vor 150 Jahren hatte es in sich. Die Industrialisierung nahm ungeheure Ausmaße an. Überall wuchsen die Fabriken an den Stadträndern. Das Leben in der Stadt spielte sich hinter tristen grauen Betonwänden ab. Freizeit war rar. Auch die Kinder mussten lange schwere Arbeit verrichten. Zeit zum Spielen blieb kaum.

Für viele Menschen blieb mit der Entwicklung der Wohlstand aus. Im Kampf gegen die zunehmende Ausbeutung bildeten sich die Arbeiter- und die Frauenbewegung. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) wurde gegründet. Sehr früh waren es Pädagogen und Ärzte, die die Risiken der lebensfremden Entwicklungen erkannten. Sie sorgten sich besonders um die Kinder. Mit dem Kleingartenwesen sind einige Namen eng verbunden: Der Orthopäde Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber, der Schuldirektor und Pädagoge Dr. Ernst Innocenz Hauschild und der Oberlehrer Karl Gesell, der als Spielvater in die Geschichte einging.

Sie gehörten zu den Gelehrten die erkannten, wie wichtig Bewegung für Körper und Geist ist. Dr. Schreber war für viele mit seinen Forderungen nach Spiel- und Tummelplätze ein Vorbild. Und so kam es, dass Dr. Hauschild seine Idee eines Eltern- und Lehrervereins umsetzte, eine Spielwiese pachtete und diese nach dem inzwischen verstorbenen Dr. Schreber benannte. Das geschah am 10. Mai 1864. Dieses Datum gilt als Beginn der Schreberbewegung, des heutigen Kleingartenwesens.

Die Gründung des ersten Kleingartenvereins 50 Jahre vorher, im schleswig-holsteinischen Kappel an der Schlei, wird dabei häufig vergessen.

Auf der Spielwiese Dr. Schreber wollte der Verein sein Ziel umsetzen, für die leibliche und geistige Erziehung der Kinder nach besten Kräften zu wirken. Mit den heutigen pädagogischen Inhalten hatte das allerdings nur wenig zu tun. Gerade Dr. Schrebers Methoden der leiblichen Ertüchtigung werden heute stark in Zweifel gezogen. Geblieben ist die Erkenntnis, dass der Aufenthalt für Jung und Alt in der Natur und auch im Garten gesundheitsförderlich ist. Das ist sicherlich einer der Gründe, dass das Kleingartenwesen bereits über eineinhalb Jahrhunderte überdauert hat.

Vier Jahre nach der Gründung schlug Oberlehrer Gesell vor, am Rande der Spielwiese Beete für Kinder anzulegen. Schon damals dauerte das Interesse der Kinder an der Pflege von Beeten nicht lange. Die Eltern übernahmen die Aufgabe. Diese Familiengärten waren die ersten Schrebergärten.

1876 zog der Verein auf das Areal an der Aachener Straße und ist als Kleingärtnerverein Dr. Schreber bis heute dort geblieben. Rund 160 Parzellen umfasst die Anlage; dazu die große Spielwiese und das historische Vereinshaus, das eher einer Villa aus dem neunzehnten Jahrhundert erinnert.

Neben einer Gaststätte beherbergt das Vereinshaus seit fast zwanzig Jahren das erste deutsche Kleingärtnermuseum. In vier Ausstellungsräumen und zusätzlichen Themengärten wird die Geschichte des Kleingartenwesens erlebbar. An vielen Gärten erinnern Schilder an die ersten Gartenpächter und Förderer des Vereins. Die gesamte Gartenanlage mit dem Vereinshaus ist heute denkmalgeschützt.

Festredner unterstreichen Bedeutung des Kleingartenwesens

Bei den Feierlichkeiten zu 150 Jahre Schreberbewegung und dem Tag des Gartens hoben Redner aus Politik, Verwaltung und dem Bundesverband Deutscher Gartenfreunde die Bedeutung des Kleingartenwesens hervor. Sachsens Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft, Frank Kupfer sprach von den Kleingärten als weicher Standortfaktor in einer Stadt. „Wer seinen Wohnort wählen kann, entscheidet sich häufig für eine grüne Stadt.“ Stadtgrün habe als Wohlfühlfaktor einen hohen Stellenwert. „Sie gehören mit Ihren Kleingärten unmittelbar dazu.“ Am Beispiel Leipzig wurde deutlich, dass in der Halbmillionenstadt mit rd. 35.000 Kleingärten nicht nur die größte Kleingartendichte herrscht. Die Gärten machen ein Drittel des Stadtgrüns aus. In der selbsternannten Kleingärtnerhauptstadt hat ein Fünftel der Bevölkerung eine unmittelbare Beziehung zu einem Kleingarten.

Die soziale Seite des Kleingartenwesens hob Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung heraus. „Feiern und gemeinsame Familienaktivitäten im Garten sind genau so wichtig wie das Gärtnern selber.“ Familienfreundlichkeit sei ein wichtiger Faktor für die Lebensqualität einer Stadt. „Sie haben als ein Ort für Familien und Kinder einen hohen Anteil an der Lebenszufriedenheit in einer Kommune.

Diese Ansicht wurde von Peter Paschke, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde noch verstärkt. „Deutschlandweit bewirtschaften und pflegen wir Kleingartenflächen in der Größe des Bodensees. Wer nach Orten mit kultureller Vielfalt in den Städten sucht, landet in den Kleingärten. Über 75.000 Gartenfreundinnen und Gartenfreunde aus über 80 Nationen treffen wir hier an. Die Fachberatung in unseren Verbänden und Vereinen ist das kulturelle Gedächtnis des Freizeitgartenbaus.“

Das Kleingärten IN sind, wusste Daniela Kolbe, Mitglied des Deutschen Bundestages. „Sie sind eine großartige Erfindung. Urban Gardening praktizieren Sie bereits seit 200 Jahren.“ Dabei hätten viele der Betreiber der als neu propagierten Gartenlust bereits erkannt, dass die Vereinsstrukturen des organisierten Kleingartenwesens für eine nachhaltige Nutzung sehr hilfreich seien.

150 Jahre und kein bisschen altmodisch

So lautete das Motto des diesjährigen 30. Tag des Gartens. Wie bei der ersten Veranstaltung im Jahre 1984 stehen die unverzichtbaren Funktionen des Kleingartenwesens im Focus. Zu den gesellschaftlichen, sozialen und städtebaulichen haben sich die ökologischen gefügt. Artenvielfalt und Grundwasserneubildung stehen im engen Bezug zu den Kleingärten. Aktuell rückt im Zeitalter des Klimawandels die klimatische Bedeutung in den Vordergrund.

Das berechtigt zu der Forderung, das Kleingartenwesen und die Kleingartenanlagen auch in Zukunft gesetzlich zu schützen. Die Forderung, sie als Bestandteil der Daseinsvorsorge einer Kommune einzustufen, erscheint mehr als gerechtfertigt. Damit verbunden ist die Notwendigkeit, alle Kleingartenanlagen in den Bebauungsplänen der Kommunen abzusichern und so langfristig zu erhalten.

Deutsches Kleingärtnermuseum – Bewahrung der eigenen Geschichte

Fast selbstverständlich ist das Vereinshaus Dr. Schreber auch Ort des Deutschen Kleingärtnermuseums. Und das seit fast zwanzig Jahren. Kurz nach der Wende 1989 hatten Gartenfreundinnen und Gartenfreunde aus Ost und West den Wert des historischen Ortes erkannt und für die Sicherung vieler historischer Dokumente und Exponate gesorgt. Unter ihnen waren die Hannoveraner Hans-Joachim Kaldekerken und seine verstorbene Ehefrau Giesela. Lange Jahre wirkten sie aktiv im Vorstand des Kleingärtnermuseums mit, unterstützt vom Landesverband Niedersächsischer Gartenfreunde (LNG).

Burkhard Balkenhol neuer Beisitzer im Vorstand

Dass das Kleingärtnermuseum in Zukunft noch mehr Interesse bei den Gartenfreundinnen und Gartenfreunden findet, dafür will Burkhard Balkenhol, Schriftführer des LNG sorgen. Er wurde auf der Mitgliederversammlung im historischen Neuen Rathaus zu Leipzig als einer von drei Beisitzern gewählt. „Das Museum spiegelt unsere Herkunft wider“, betonte die Vorsitzende des Kuratoriums und Baurätin der Stadt Leipzig Kunert. „Die Tradition und die Geschichte werden hier erlebbar. Das muss auch in Zukunft so bleiben.“

Mit der Einweihung des VKSK Gartens am Tag des Gartens ist eine neue Epoche der Geschichte des Kleingartenwesens hinzugekommen. Neben dem Museumsgarten und der Ausstellung historischer Gartenlauben in der Kleingartenanlage spiegelt der Garten 40 Jahre Kleingärten in der ehemaligen DDR wider. Dem Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter (VKSK) gehörten von 1958 bis zu seiner Auflösung 1990 1,5 Millionen Kleingärtner an.

Der Garten zeigt eine zweckmäßig eingerichtete Laube und einen hohen Nutzgartenanteil, der die eigene Versorgung mit Obst und Gemüse verbesserte. Er greift das damalige Motto des VKSK auf, „ein schöner Garten ist ein produktiver Garten.“ Das Produktionsziel hieß 1970: „100 kg auf 100 qm.“

Rote Karten für neues Konzept

Auf den neu gewählten Vorstand und die Museumspädagogin Caterina Hildebrand mit ihren Mitarbeiterinnen kommen große Aufgaben zu. Mit großer Mehrheit hat die Mitgliederversammlung die Entwicklung eines neuen Museumskonzeptes verabschiedet. Zur bisherigen Darstellung der Verbandsentwicklung und wechselnden Kabinettausstellungen kommen neue Komponenten hinzu. Das Zeitalter der Industrialisierung mit seinen Auswirkungen wird dargestellt, Leben und Regeln im Kleingarten, Stadtentwicklung, Pflanzen und Tiere werden präsentiert. Dazu kommen Umweltbildung und Ökologie. Spazieren, Schauen, Erleben, Erfahren, aktiv werden, Begreifen, Lernen und Vertiefen heißt es für die Besucher. Auf ihrem Rundgang werden sie von zeitgenössischen Personen empfangen, die lebendige Geschichte erzählen.

So ist der Plan, der bis zum 20. Geburtstag im Jahre 2016 verwirklicht werden soll. Notwendig dazu sind finanzielle Mittel, die beim Bund, dem Land Sachsen und der Stadt Leipzig eingeworben werden sollen. Zusätzlich wünscht sich der Verein einen größeren Mitgliederzuspruch.

Eine Arbeit, auf die sich Burkhard Balkenhol freut: „Das Deutsche Kleingärtnermuseum muss an die Mitglieder in den Vereinen herangetragen werden. Dazu möchte ich beitragen und dafür bewerbe ich mich“; sagte er bei seiner Vorstellung, bevor er mit überwältigender Zustimmung gewählt wurde.

J.R.

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Burkhard Balkenhol freut sich auf seine Aufgabe im Vorstand des Museumsvereins.

Foto: Roemer

Eröffnung des VKSK-Gartens in der Anlage Dr. Schreber

Fotos: Roemer

Das historische Vereinshaus
Dr. Schreber beherbergt das
Deutsche Kleingärtnermuseum

Fotos: Roemer

Das Kleingärtnermuseum ist es wert

Burkhard Balkenhol zu seiner Kandidatur

Am 14. Juni wurde Burkhard Balkenhol zum Beisitzer im Vorstand des Fördervereins „Deutsches Kleingärtnermuseum Leipzig“ gewählt. Er erklärt, warum er sich um diesen „Posten“ beworben hat.

„Das Kleingärtnermuseum ist aus meiner Sicht unbedingt erhaltenswert. Für das Kleingartenwesen ist es eine einmalige Chance, sich und seine historische Vergangenheit darzustellen. Wichtig für mich ist nicht nur das Museum, sondern es sind auch die historischen Lauben und Gärten des Kleingärtnervereins Dr. Schreber.

Ich möchte versuchen, das Museum bei den Gartenfreundinnen und Gartenfreunden vor Ort, insbesondere in Niedersachsen, bekannter zu machen. Ich möchte sie dazu auffordern, sich aktiv – sei es durch eine Mitgliedschaft des Vereines oder als Privatperson – an dem Erhalt des Museums zu beteiligen. Darüber hinaus werde ich versuchen, alte Exponate von den Vereinen als Ausstellungstücke zu bekommen.

Ich freue mich über die Wahl zum Beisitzer und werde das Museum mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen. Dazu gehören z.B. regelmäßige Beiträge im ‚Gartenfreund’ und das Auslegen von Informationsmaterial bei Veranstaltungen, um das Museum bekannter zu machen.“

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Der neu gewählte Vorstand des Fördervereins “ Deutsches Kleingärtnermuseum ” (v.l.): Andreas Hackenberg und Reinhold Six (beide Kassenprüfer), Robby Müller (2. Vorsitzender), Caterina Hildebrand (Schriftführerin), Peter Paschke (Vorsitzender), Norbert Renz, Karl Sauer und Burkhard Balkenhol (alle Beisitzer); auf dem Bild fehlt Dietmar Friesecke (Schatzmeister)

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